Sonntagmorgen in Knysna: mit Willem durch’s Township

Traumstraßen, Traumstrände: Wir haben in Plettenberg Bay einen direkt vor der Haustür, hier steigen wir ab im Milkwood Manor, das genauso aussieht, wie sich das bayerisch-kölsche Besitzerehepaar hier vor 23 Jahren ihr englisches Herrenhaus einrichtet haben. Beim Morgenlauf schlagen die Wellen des Indischen Ozeans an den Strand, Flamingos fliegen auf, die Morgensonne strahlt – hach!

Heute geht es ins Township in Knysna, und keiner weiß das so recht einzuschätzen. Sind wir dort willkommen oder eher die blöden Touris, die durch die Szenerie trampeln und den Sonntagsfrieden der Einwohner stören?

Alles gut, die Tour erweist sich als wertschätzender, sicherer und sehr spannender Einblick in eine Welt, die Du sonst im Vorbeirauschen aus dem Auto als Ansammlung von Wellblechhütten wahrnimmst oder, wenn Du mal reingerätst, mit verriegelter Autotür schnell wieder verlässt.

Unser Tour Guide heißt Willem, auch wenn in seinen stets gut gelaunten zweieinhalb Zentnern offensichtlich wenig niederländisches Blut fließt. Er lebt im Township mit Frau und zwei Kindern, beantwortet jede Frage, wenn er nicht gerade aus dem Autofenster die Kumpels begrüßt, die Kinder mit Sweets versorgt oder den Hunden Futter auf die Straße schaufelt. Hunde? Nein, das sind die Township Lions, genau wie die frei laufenden Schweine, die Township Leppards, zusammen mit Eseln, Kühen und Ziegen die lokalen Big Five.

Das Township hat sich für den Sonntag und den Kirchenbesuch herausgeputzt, viele sind an der speziellen Tracht ihrer jeweiligen Gemeinde zu erkennen. Auch die Kinder sind feingemacht. Sie wissen, wenn die Wagen von Enzini Tours um die Ecke kommen, die das Ganze organisieren und hier ausdrücklich erwähnt und gelobt sein sollen http://www.emzinitours.co.za/township-tours/, dann gibt es Süßigkeiten. Natürlich haben sich die Fiesels das von Willem abgekuckt und sich beim örtlichen Grocery Store eingedeckt, der in einem alten Seecontainer ein komplettes Angebot wie bei Lidl und REWE unterbringt.

Wir besuchen auch einen Hairdresser, der mit Reinhard fast einen Kunden gewonnen hätte, bis klar war, dass man sich auf Extensions spezialisiert hat – schade, er kann doch alles tragen. Oder einen Schuhfabrikanten, bei dem Lissy eine Springbocktasche kauft und damit den Sonntagumsatz rettet.

Und wir gehen in die Kirche der Apostolic Faith Mission of South Africa, wo alles genauso abläuft, wie man sich das in Gospelgemeinden vorstellt. Der Reverend mit dem Mikro, der Drummer daneben, der zwischendurch eindöst, das junge Brautpaar, das von der gesamten Gemeinde, Fiesels inclusive, mit erhobenen Händen eingesegnet wird. Natürlich singen alle, das groovt ohne Ende, die Menschen hier können wirklich aus zwei Tönen Rhythmus machen. Alle tanzen, schwenken im Takt ihre Kinder, am Schluss werden alle umarmt, auch die Fiesels, und wir fühlen uns ein bisschen als Teil des Ganzen.

Dass die Kinder die meiste Aufmerksamkeit kriegen, ist klar, sie sind fröhlich, teilen ihre Spielzeuge und ihre Süßigkeiten und beschäftigen sich hingebungsvoll mit einfachen Dingen wie kleinen Bällen oder Kreiseln, was die Oberstwaldmeisterin im Gegensatz zum deutschen Markenspielzeugwahn klasse findet.

Natürlich ist das nicht die heile Welt, aber es ist sichtbar und von Willem vehement betont, eine Community. Hier bleibt man, auch wenn man irgendwann besser da steht als der Rest und in Einzelfällen sogar einen BMW in der Garage hat. Es bleibt eine schwarze Siedlung, so wie sie in Zeiten der Apartheid entstanden ist, als die schwarze und farbige Bevölkerung aus den Towns hierher vershipt wurde, um so die Trennung der Rassen umzusetzen. Seit Mandela ist das nicht mehr so, seitdem entstanden einfache Einheitshäuser aus Stein, die die Blech- und Holzhütten ersetzen und den Einwohnern vom Staat zum Kauf angeboten werden. Diese werden gleichzeitig zu Handwerkern ausgebildet, um weitere Häuser zu bauen. Das löst die Arbeitslosigkeit und die Alkoholprobleme nicht, wie auch die aktuellen Unruhen und die Gewalt in Kapstadt wieder zeigen, ist aber ein Projekt, das weiterhilft.

Höhepunkt der Tour ist der Besuch bei Ella und ihrem Safe House, wo vor allem misshandelte Kinder in kleinen Gruppen und Klassen unterrichtet und aufs Leben vorbereitet werden. Ella, selbst als Kind in schwierigen Verhältnissen aufgewachsen, empfängt uns in ihrer Küche mit Scones und Marmelade, wir kriegen Unterricht in Xhosa, das ist die Sprache mit den Klicklauten. Willem und seine Kumpels singen wieder sehr rhythmisch und wir alle trommeln mit im – äähh – Rhythmus. Jeder in seinem eigenen.

Wir wissen, wir haben nur die Sonntags-Schokoladenseite gesehen, und das in Begleitung eines wohlwollenden Insiders. Es gibt nichts schönzureden, aber wir waren dort und haben einen Einblick erhalten, für den wir dankbar sind.

Reichlich entkräftet landen wir mit einem unterwegs aufgelesenen Sixpack Windhoek Draft beim Asiaten unseres Vertrauens in „Plett“, wie wir Südafrikaner sagen, und kaufen ein fürs große Picknick am Abend, das wir unter Lichterketten und Zeltdach im (winters geschlossenen) Hotelrestaurant mit großartiger Unterstützung der Hotelfachkraft (Messe, Gabel, Teller, Gläser) und dem Wein aus Franschhoek bestreiten.

Noch ein sehr geehrter Abend!

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